Die Samaingemeinschaft - Ein Leben in Verbindung
Samain war das wichtigste Fest im Jahreslauf unserer Vorfahren, der Kelten. In der Nacht vom 31.Oktober zum 1. November trafen sie sich in dem Versuch in symbolischen Handlungen die Gegensätze zu vereinen, die verschiedenen Elemente zu versöhnen, das Gleichgewicht in der Welt zu erkennen. Die Samainnacht schaffte Raum für ihre Sehnsucht nach Heil-sein, um dann wieder auseinander zu gehen, ausgesöhnt mit unserer Erbärmlichkeit, demütig, humorvoll, milde, menschlich, bescheiden, in dem Wissen, dass der Traum vom Eins-Sein immer wieder in die Einseitigkeit stürzen muss. Samain beschreibt eine innere Haltung, uns mit allen Aspekten des menschlichen Seins anzufreunden und auszusöhnen. Diese Sichtweise eines Naturvolkes beeindruckt uns.
Die Anfänge der Samainarbeit reichen mehr als 25 Jahre zurück. Über die therapeutische Arbeit des Visionärs und Psychotherapeuten Sepp Schleicher lernten sich Menschen kennen, die auf der Suche nach einem erfüllteren Leben an seinen Seminaren oder Gruppen teilnahmen. Neben der Psychotherapie legte er besonderen Wert auf den gruppentherapeutischen Prozess in seinen Seminaren und Wochengruppen. Der Gemeinschaftsgedanke, die gegenseitige Hilfe in allen Lebenslagen, das Anteil nehmen an dem Wohlergehen der anderen Gruppenteilnehmer, die Freundschaftspflege waren wesentliche Schwerpunkte seiner Arbeit. Er war überzeugt, dass die Seele nur dann heilen kann, wenn der Mensch wieder aus der Vereinzelung herausgeholt wird und Werte von Miteinander, Mitgefühl und gegenseitiger Hilfe zu schätzen lernt. Auf diesem Hintergrund erwuchsen stabile Freundeskreise, die sich gegenseitig halfen und unterstützten, füreinander einstanden, wenn der Einzelne in Schwierigkeiten war, gemeinsame Unternehmungen starteten, sich austauschten und miteinander feierten. Es ist tröstlich Freunde zu haben, denen man sich mit allem zeigen konnte, auch mit seinen Schwierigkeiten und Nöten, und vor denen man auch seine dunklen Seiten nicht verbergen musste.
Ein weiterer wesentlicher Aspekt der therapeutischen Arbeit war die Verbindung zur Natur. Sepp, der selber seit 30 Jahren mit seinen Tieren auf einem Einödhof lebt, wusste aus eigener Erfahrung, wie wesentlich und heilsam das regelmäßige Sein in der Natur ist, und wie sehr der moderne Mensch des 20. Jahrhunderts darunter leidet, keinen Kontakt mehr zur Erde und den Tieren zu haben, keine Verpflichtung anderen Mitgeschöpfen gegenüber eingehen zu müssen. Neben seinem unermüdlichen Bestreben, seine Klienten zu menschenwürdigeren Lebensformen auf dem Land und in Wohngemeinschaften zu unterstützen, integrierte er nach einigen Jahren seine Erfahrungen mit den Islandpferden in seine therapeutische Arbeit und begann jährliche Sommerseminare anzubieten, in denen neben der psychotherapeutischen Arbeit das Pferd als Heiler mit einbezogen wurde.
Der Kontakt zu den Pferden und das Miteinander-Sein in der Natur veränderte erneut das Lebensumfeld vieler Gruppenmitglieder. Es entstanden Weidegemeinschaften zwischen denen, die sich eigene Pferde angeschafft hatten. Man plante gemeinsame Ausritte und Zusammenkünfte auf den Weiden. Grillfeste, Sitzen am Lagerfeuer, Übernachten in der Natur bei den eigenen Pferden gehörte jetzt zu einer neuen Lebensqualität. Vor allem die Verantwortung für ein eigenes Pferd brachte eine immense Tiefe in das Leben der neuen Pferdebesitzer. Es mussten Zäune und Hütten gebaut werden. Man musste misten und die Weiden pflegen, für die Gesundheit der Pferde sorgen, Heu machen und vieles mehr. Je befriedigender das Lebensumfeld wurde, umso drängender stellte sich die Frage nach einem beruflichen Umfeld, in dem man sich ausdrücken und verwirklichen konnte. Durch die Unterstützung in den regelmäßigen Wochengruppen oder Seminaren wagten viele nun den Sprung in neue, lebensnahere und menschlichere Arbeitsplätze oder in die Selbständigkeit. Immer deutlicher konnte man sehen, dass die Seele nicht an irgendwelchen psychischen Krankheiten leidet, sondern die Menschen immer glücklicher und zufriedener wurden, je mehr sich ihr Lebensumfeld und ihre Lebens- und Arbeitsqualität verbesserten.
Während der Sommerseminare wurde die heilende Wirkung des Lebens in der Gemeinschaft deutlich. Ähnlich wie Naturvölker viele psychische Erkrankungen gar nicht kennen, weil sie sich eingebunden in ihre Lebensgemeinschaft fühlen, stellten die Teilnehmer oft fest, dass viele Ängste und Probleme sich von alleine lösten durch dieses Miteinander sein. Die Rückkehr in die Vereinzelung wurde immer unerträglicher und lebensfeindlicher erlebt, und der Wunsch nach einer gemeinschaftlichen Lebensform nahm mehr und mehr Gestalt an.
„In der Tiefenökologie fragen wir, ob die gegenwärtige Gesellschaft menschliche Grundbedürfnisse wie Liebe, Sicherheit und Zugang zur Natur befriedigt. Wenn Menschen geholfen wird, sich auf positive Art und Weise mit der Natur zu identifizieren, wenn sie tief in ihrer Seele erfahren, dass sie ein Teil der Natur sind, dann bedeutet handeln zum Schutz der Natur kein Opfer mehr, es ist selbstverständlich, wie die Verteidigung des eigenen Lebens.“
Theo Gottwald, Tiefenökologe
Durch die langjährige und konsequente Arbeit an der eigenen Psyche wuchs zudem ein enormes Potential an therapeutischen Fähigkeiten und ökologischem Bewusstsein. Das Bedürfnis, erworbenes Wissen an andere weiter zu geben, mündete in die Ausbildung zum Samaintherapeuten. Eine Reihe hoch qualifizierter Menschen sind aus diesen Ausbildungsgruppen inzwischen hervor gegangen, deren Angebote sich hier in unserem Programmteil wieder finden.
Seit 2001 nun gibt es den Samainhof, mit dem sich die jahrelange Vision von Sepp Schleicher und der Menschen aus dem Samainkreis verwirklicht hat. Nachdem der Bau der Häuser abgeschlossen war, begann sofort ein reiches therapeutisches Kursangebot zu entstehen, das von Jahr zu Jahr wachsendes Interesse findet. Auch der Traum von einer integrativen, Generationen übergreifenden, naturverbundenen Lebensgemeinschaft und –schule ist Wirklichkeit geworden – mittlerweile leben am Samainhof 32 Menschen zwischen 4 und 70 Jahren, davon eine Frau mit einer Querschnittlähmung. Die Tiere sind ein wesentlicher Bestandteil des Lebens. Zum Hof gehören 80 Islandpferde, vier Ziegen, Katzen, ein Hund, viele Hühner und eine Herde schottischer Hochlandrindern. Der bewusste und achtsame Umgang mit der Natur und mit ihren Ressourcen spielen am Samainhof eine große Rolle: das Gemeinschaftshaus wurde in Stroh–Lehm-Bauweise errichtet, der Hof wird über eine Hackschnitzelheizung versorgt, mehrere Zisternen speichern Brauchwasser, und die Warmwasserbereitung erfolgt über eine Solaranlage.
Für 12 weitere Bewohner wurde ein „Sonnenhaus“ errichtet, ein Niedrigenergiehaus, dessen Jahres-Primärenergiebedarf von 5 bis 15 kWh pro m² Gebäudenutzfläche den eines Passivhauses mit Klimakompaktgerät oder elektrischer Wärmepumpenheizung etwa um das Vierfache unterschreitet. Mit seinen über 600qm Wohn- und Nutzfläche ist es das größte Sonnenhausprojekt in Deutschland und das erste im Landkreis Neumarkt. Das Sonnenhaus am Samainhof bietet über Jahrzehnte die Perspektive niedriger Heizkosten und einer weitgehende Unabhängigkeit von Energiekrisen und trägt in Zeiten des Klimawandels zur Erhaltung unseres Klimas bei.
Neben einem Reiterladen und einer kleinen Boutique befindet sich dort ein wunderschönes, licht durchflutetes Cafe das schon eine Vielzahl an Veranstaltungen und traumhaften Festen erlebt hat. Ein großer Teich mit Schilfgürtel klärt das Wasser aus den Versickerungsgräben und wurde als Biotop und Lebensraum für Pflanzen und Tiere angelegt. Ein 5 Meter breiter Hecken– und Baumgürtel umspannt den Hof und bietet Lebensraum für viele Vögel und Insekten und integriert alte heimische Hecken und Obstbäume wieder ins Landschaftsbild. Eingekauft wird bei biologischen Betrieben. Das Fleisch stammt von den artgerecht gehaltenen Rindern. Und auch die Seminarbewirtung nutzt ökologische Produkte.
Die wichtigste Grundlage des Zusammenlebens am Samainhof ist das gemeinsame Wachsen, das sich anschauen und spiegeln lassen, die intensive Selbsterfahrung mit verschiedenen Formen der Psychotherapie. Neben der regelmäßig stattfindenden Hof-Supervision, in der Konflikte der Samainlebensgemeinschaft geregelt werden und an der Weiterentwicklung jedes einzelnen Mitgliedes und des Gesamtprojektes gearbeitet wird, sind die Psychotherapie- Seminare von Sepp das Herzstück der Samainarbeit. Diese Bereitschaft, sich immer wieder rückhaltlos zu zeigen, immer wieder um den Kontakt zu sich und zu den anderen zu ringen, ist die Grundbedingung für jeden, der am Gemeinschaftsleben teilhaben oder sein Pferd hier einstellen möchte. Die meisten Lebensgemeinschaften zerbrechen über kurz oder lang, weil die Bereitschaft zur regelmäßigen Supervision fehlt, und unausgetragene Konflikte und Machtkämpfe die Arbeit derer zunichte machen, die liebevoll einem größeren Ganzen gedient hatten. Dass die meisten Mitbewohner sich seit 20 Jahren kennen, miteinander arbeiten und im Frieden miteinander leben, ist der beste Beweis, dass dieses Konzept erfolgreich ist.
Die von allen geschätzte freundliche Atmosphäre hier am Samainhof, in der jeder bemüht ist, sein Bestes zu geben, in Freundschaft zu leben, in innerem Frieden mit sich zu sein und das Leben zu feiern, ist nur durch diese konsequente Arbeit möglich geworden. Die Liebe zum Dasein, zur Natur, zum Menschsein hier auf der Erde ist das, was den Hof und seine Bewohner beseelt und wofür er all die vielen Jahre in Selbsterfahrungsgruppen, in Supervisionen und Seminaren gesucht und geforscht hat. Jeder bringt hier ganzen Einsatz und gibt alles, was er hat. Bestens qualifizierte Menschen, oft mit mehreren Zusatzausbildungen, schaffen diese einzigartige Atmosphäre, in der jeder Besucher unmittelbar in Berührung mit seinem Potential, mit seinen Sehnsüchten und Träumen aber auch mit seinem Weh kommt. Was hier geschaffen wurde ist ein Leben in Verbundenheit, einen Weg aus der Getrenntheit und Vereinsamung hinein in ein Leben des Miteinanders und des Mitleidens.
Insgesamt besteht der Kreis von Menschen, die die Samainidee unterstützen und weiter tragen, aus mehr als 100 Menschen. Die Bewohner der Hofgemeinschaften in Arnleithen in der fränkischen Schweiz, in Hackelsberg, in Vilshofen/Niederbayern und in Stöckelsberg bei Altdorf gehören seit vielen Jahren zum Samainkreis und sind mit ihren Angeboten in unserem Samainhofprogramm vertreten.
Ein großartiges Team von Kindern und Jugendlichen, welches seine Freizeit bei seinen Pflegepferden und am Hof verbringt, unterstützt nach wie vor tatkräftig die Arbeit auf dem Samainhof. An den Schnuppersonntagen sind sie da und ermöglichen Kindern und Neulingen die Freude auf dem Rücken der Pferde oder begleiten ängstliche Reiter bei Ausritten. Sie sind immer da, wenn sie gebraucht werden, entwickeln sich zu brillanten Reiterinnen und haben eine erfüllende Aufgabe gefunden, mit der sie sich ganz nebenbei die Teilnahme an Reitstunden ermöglichen. Zum ersten Mal wird in diesem Jahr eine Jugendliche ihr freiwilliges soziales Jahr – ermöglicht durch den Paritätischen Wohlfahrtsverband – in unserem Wald- und Naturpädagogik e.V. absolvieren. Ein erfreuliches Beispiel dafür, dass solch eine gelungene Jugendarbeit auch von öffentlicher Hand unterstützt wird.
In dem neuen Projekt: „Wildnis– Bewusstseins-Schule“ wollen wir Kinder und Jugendliche unterstützen, ihre Wurzeln in der Natur zu finden, die Natur lieben und verstehen zu lernen, um darüber ihre eigene Natur zu verstehen und zu lieben und zu liebenden Erwachsenen heranzureifen, die in der Lage sind, ökologisch und verantwortlich zu handeln. Auch in diesem Jahr möchten wir sie soweit finanziell unterstützen, damit ihnen das Wohnen am Samainhof und die Teilnahme an Samain-Seminaren und Supervisionen ermöglicht werden kann, um sie zu gleichwertigen Mitgliedern der Samaingemeinschaft heranzubilden, die später in der Lage sind, den Hof weiterzuführen und die Ziele der Samainarbeit an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Über Spenden für diesen Zweck sind wir sehr dankbar.
Der Waldkindergarten freut sich in diesem Jahr über 5 Neuzugänge. Die Entwicklung der Kindergartenkinder beeindruckt jedes Jahr wieder aufs Neue und bestätigt uns, diese wertvolle Arbeit weiterzuführen.
Als Dankeschön für die langjährige Mitarbeit bei Deutschlands größter Umweltbildungsaktion BayernTourNatur wurden wir im Mai zum Staatsempfang in den Kaisersaal der Nürnberger Burg geladen. Umweltminister Söder betonte die Wichtigkeit geführter Naturbegegnungen: „Was der Mensch kennt, das schätzt er – und was der Mensch schätzt, das schützt er.“. Herr Dr. Söder freute sich sehr über unsere Einladung zur Kutschfahrt durch das Laabertal und drückte sein Interesse an einer Intensivierung der Zusammenarbeit aus.
Der Fernsehpfarrer und Talk-Master Jürgen Fliege ist nun schon seit mehreren Jahren freundschaftlich mit dem Samainhof verbunden. In einem Brief an die Samaingemeinschaft wünscht er uns für unser „Projekt der Liebe“ alles Gute und versichert uns seine Freundschaft.
Es gibt soviel zu tun. Das Ausmaß der Umweltzerstörung wächst von Jahr zu Jahr. Durch das Computerzeitalter entfernen sich die Menschen und besonders die Kinder in rasender Geschwindigkeit von jeder Verbindung zur Natur und verlieren jeglichen Kontakt zum Wesentlichen. Wenn nicht viele Menschen sich gerufen fühlen aufzuwachen und an einer größeren Vision mitzuwirken, wird uns sehr bald der Platz zum Leben in aller Menschlichkeit verloren gehen.
Die Samaingemeinschaft
„Das Wunderbare ist, dass sich das alles nicht im Kopf abspielt, sondern auf einem konkreten Hof, in konkreten Pflichten und Aufgaben, in der Arbeit mit den Tieren, in der Gemeinschaft, im konkreten Erlernen von Fähigkeiten, kurz – auf der Erde! Uns helfen keine Illussionen, keine großen Sprüche, sondern konkrete Werke jedes Einzelnen. Solange einer nicht die Göttlichkeit der Gelbbauchunke kennt, ist sein Streben nach Höherem vergebens. Ein weiterer Schritt des Heil-werdens ist das tiefe Mit-Gefühl - durch die Erfahrung der Zugehörigkeit kann ich mich immer mehr mit jedem Lebenden, mit jedem Sein identifizieren, entsteht Mit-Gefühl. Nur wer mitfühlt, ist im Einklang, ist zugehörig. Bin ich im Einklang, bin ich zugehörig zu aller Schöpfung, bin ich heil. Heilung ist letztlich Heimkehren, ist das Sich Ergeben nach langem Abgrenzen und schmerzvollem Ich. Heilung ist, sich als Teil von Allem zu verstehen.“
Sepp Schleicher in einem Interview mit Walter Ohler, Redakteur der “Fliege“ Zeitschrift.
Zuletzt aktualisiert: 17.06.2011
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